12.03.2007
Bolivien

Über den Pass bei Ollague nach Bolivien
Von San Pedro de Atacama an den Titicaca See

Mehr Fotos in der
Photo Gallery 

map Bolivien! Jetzt sind wir endlich in Südamerika angekommen! Hier ist es so, wie ich mir Südamerika vorgestellt habe:

Der Anteil der Bevölkerung indigenen Ursprungs überwiegt. Diese Frauen tragen einen knielangen Rock aus samtigem Stoff, Kniestrümpfe, einen runden Melonenhut und auf dem Rücken ein buntes Tuch, in dem entweder ein Kind oder andere, wirklich schwere Lasten, transportiert werden. Die langen, dichten schwarzen Haare tragen sie zu zwei geflochtenen Zöpfen, die an den Enden meist mit schwarzen Bommeln zusammen gebunden werden.

Von San Pedro de Atacama auf chilenischer Seite sind wir nicht direkt nordwärts nach Bolivien eingereist. Wie wir von anderen Reisenden hörten, sollten die Pisten Richtung Uyuni dort nur sehr anstrengend befahrbar sein. Außerdem war die Regenzeit in diesen Gegenden Boliviens noch nicht beendet, so dass unklar war, ob wir den größten Salzsee der Welt - den Salar de Uyuni - überhaupt hätten überqueren können.

Also ging es zunächst auf Teerstraßen nach Calama zu einem letzten Großeinkauf in Chiles Supermärkten und auf guten Pisten weiter nordwärts zum Pass und Grenzübergang bei Ollague auf ca. 3750 m Höhe. Die weitere Pistenstrecke bis Uyuni verlief weitgehend auf einer wüstenähnlichen Hochebene zwischen 3700 m und 3800 m bei einer maximalen Höhe von 4360 m (im ersten Viertel der Strecke). Dank der langsamen Anpassung in den vergangenen Wochen verkrafteten wir die Höhe glücklicherweise recht gut; vielleicht halfen auch zusätzlich die gekauten Cocablätter.

Wir fuhren diese Strecke gemeinsam mit Alex und Anne, mit denen wir auch schon zusammen auf dem Schiff von Europa waren. Alex überzeugte Hilmar, das Auto nicht dem Salzwasser auf dem Salar de Uyuni auszusetzen. Daher haben wir von Uyuni aus eine dreitägige organisierte Tour in den Südwesten Boliviens gemacht. Den Fahrer und den Toyota (der normalerweise mit sieben Touristen voll gepackt wird) haben wir vier uns geteilt. Auf die üblicherweise zur Tour gehörenden Köchin haben wir zugunsten von mehr Platz im Auto verzichtet.


Kaktus Die Tour war etwas abenteuerlich und sehr gewöhnungsbedürftig für uns. Zunächst einmal war es ungewohnt, nicht selber entscheiden zu können, wann man wo für wie lange hält. Bei Stellen, die uns besonders gut gefielen, konnten wir uns nicht einfach länger aufhalten, um dort ein paar Stunden oder die Nacht zu verbringen. Der Zeitplan wäre ganz durcheinander geraten. In drei Tagen sollten etwas mehr als 900 km bewältigt werden.
Hinzu kam, dass die Autos hier natürlich schon einiges durchgemacht hatten und dementsprechend nicht mehr ganz in Schuss waren. In diesem Teil Boliviens sind allerdings mehr Touristen unterwegs als wir dachten, so dass sich häufig die Toyotas der verschiedenen Agenturen kreuzten. Die Fahrer tauschten dann Batterien und Reifen aus, bastelten sich Keilriemen und mussten Benzin aus Plastik-Dachkanistern nachfüllen, wenn das Auto stehen blieb.
Bei dem, was wir an den anderen Autos gesehen haben, schien es uns wie ein Wunder, dass bei uns - außer einem verlorenen Schlüssel für den Tankdeckel - nichts schief gegangen ist.

Unsere Drei-Tages-Tour führte uns vorbei an verschiedenen Lagunen und kleineren Salzseen voller Flamingos, Geysiren und Thermen. Das eigentliche Highlight, den Salar de Uyuni (siehe unsere Bilder-Galerie), befuhren wir am dritten und somit letzten Tag unserer Tour. Es war wirklich beeindruckend; aber gerade hier wären wir auch gerne länger geblieben, hätten gerne öfter gehalten und Fotos gemacht.
Hierbei lernten wir die Unabhängigkeit, die das Reisen im eigenen Auto mit sich bringt, wieder richtig zu schätzen. Nach den drei Tagen der Abhängigkeit waren wir froh, wieder ins eigene Auto steigen zu können und unseren Rhythmus selbst bestimmen zu können.

Von Uyuni aus ging es Richtung Norden, nach Potosi. Diese Stadt war uns von Anfang an nicht wohl gesonnen. Der Tag, an dem wir nach Potosi gefahren sind, war alles andere als unser Glückstag:
Wir sind noch keine 500 Meter gefahren, da haben wir einen der unzähligen "Badenes" (Speed-Breaker auf der Straße) übersehen, so dass alles, was wir nicht rüttelfest verstaut hatten, aus den Schränken und Fächern fiel und die Cerankochplatte vom Herd zerschmettert hat.
Bei unserer Mittagspause merkten Anne und Alex, dass sie vergessen hatten, ihre Dachluke zu schließen und dass die ganze Inneneinrichtung samt Matratzen und Bettzeug vom Wasser, das sich noch von einem nächtlichen Regenschauer auf der Dachfläche befunden hatte, nass geworden war.
Gegen 13.00 Uhr bedeckte sich der Himmel und der Regen ließ auch nicht lange auf sich warten. Die Straße verlief teilweise in über 4000 m Höhe, war nicht asphaltiert, es war schlammig, auf einmal fing die Kupplung an zu rutschen und zu allem Überfluss landeten wir beim Rechts-Ranfahren fast im Straßengraben (die Seitenstreifen waren total aufgeweicht).
In der Stadt angekommen fanden wir aufgrund unserer 3,35 Meter Höhe keinen geschützten Stellplatz, langsam wurde es dunkel und zu guter Letzt haben wir auch noch Anne und Alex verloren.
Wir konnten zum Glück an einer nahe gelegenen Straßenmautstelle übernachten und Bier gab es auch noch im Kühlschrank.

Am nächsten Tag machten wir uns auf die Suche nach einer Werkstatt. Schlechte Chancen an einem Sonntag. Die Stadt kam uns grau und schmutzig vor, wo man auch hinsah, gab es Menschen, die im Müll nach verwertbarem Material suchten. Ohne richtigen Stellplatz wollten wir nicht länger in dieser (für uns) deprimierenden Stadt bleiben.

Trotz der Schwierigkeiten mit der immer wieder mal rutschenden Kupplung machten wir uns auf den 160 km weiten Weg nach Sucre. Sucre (und nicht La Paz) ist übrigens die formale Hauptstadt Boliviens und soll dazu noch die schönste Stadt Boliviens sein.
Diese Entscheidung war gut, denn die Kupplung machte keine Faxen mehr, wir fanden dank GPS-Punkten relativ schnell eine geeignete Unterkunft und durften in den nächsten Tagen feststellen, dass Sucre wirklich eine ganz tolle Stadt ist. Die Sonne schien wieder, unser Hostal war nett, Sucres Straßen sind mit weiß gestrichenen Häusern gesäumt, es gibt viele Kirchen, nette Cafes und Restaurants (zu unglaublich günstigen Preisen) und viele sympathische Menschen. Natürlich gab es auch in Sucre bettelnde Kinder, aber es wirkte alles nicht so deprimierend wie in Potosi.

Über das Internet hatten wir wieder Kontakt zu Anne und Alex bekommen, die auch bald nach Sucre nachkamen. In einer Werkstatt ließen wir das Auto richten und verließen nach ein paar Tagen Sucre wieder, um Potosi noch einmal eine Chance zu geben. Ich (Sarah) wollte dort eine geführte Tour in einer Silbermine machen.

Und da war es wieder: Kaum waren wir auf dem Weg nach Potosi, fing die Kupplung erneut zu rutschen an! Dank der in Sucre hergestellten Super-Schraube war das Problem aber einigermaßen schnell gelöst und wir konnten weiterfahren. In Potosi stellten wir das Auto an einer Tankstelle ab und erkundeten von dort aus das Centrum - was uns aber nicht sonderlich beeindruckt hat. Die Nacht verbrachten wir ca. 25 km außerhalb von Potosi bei Thermen, so dass wir vor dem zu Bett gehen noch einmal ein warmes Bad nehemen konnten - herrlich!

Am nächsten Tag hieß es früh aufstehen, da die Minentour um 8:15 Uhr beginnen sollte. Zurück bis zur Mautstation lief alles gut - dann setzte erneut die Kupplung aus. Mittlerweile war es 8:00 Uhr. Bis Hilmar sie wieder in Gang brachte, war die Gruppe wahrscheinlich schon ohne uns losgezogen, so dass wir entschieden, Potosi endgültig zu verlassen, auf die Minentour zu verzichten und direkt nach La Paz zu fahren.

Erstaunlicherweise schafften wir die 560 km von Potosi nach La Paz an nur einem Tag, aber wir waren ja schließlich auch früh aufgestanden und die Straße war durchweg geteert. Bis La Paz bewegt man sich auf einer Hochebene, so um die 3750 m. Auf den ersten 150 km geht es auch mal kurz auf 4300 m hoch und unmittelbar vor La Paz fährt man in einer Höhe von 4100 m.
Nachdem wir ein bisschen durch die Randbezirke/Vororte von La Paz gefahren waren, fragten wir uns, wo bei all dem Chaos denn überhaupt so etwas wie ein Großstadtzentrum zu entdecken sein könnte. Das Rätsel löste sich: plötzlich ging es sehr, sehr steil abwärts. UNTER uns tat sich La Paz auf. In einem Kessel umgeben von Bergen ist dieses Bild sehr beeindruckend. Wir schlängelten uns die vielen Serpentinen in die Stadt hinunter, um sie auf der anderen Seite wieder hochzufahren, bis wir - mittlerweile auch schon wieder dunkel, aber dunkel wird es hier schon früh: gegen 19:00 Uhr - an unserem anvisierten Ziel, dem Hotel Oberland(!) angekommen waren.

Die Tage in La Paz vergingen (wie fast immer bei solchen Aufenthalten) viel zu schnell. Und nur 165 km weiter lockte der Titikakasee und der Übergang nach Peru bei Copacabana (ein Ortsname, benannt nach einer Kapelle, die auch als Namensgeberin für den berühmten Strand in Brasilien diente).

Wir hatten in Bolivien sehr nette Begegnungen mit Menschen. Viele der Menschen sind irgendwie etwas scheu und dann doch überraschend freundlich, die Leute winkten uns vom Straßenrand zu, wenn wir vorüber fuhren.
Jemanden nach dem Weg zu fragen, macht in Bolivien eigentlich keinen Sinn, denn bevor hier jemand zugeben würde, dass er es nicht weiß (und das sind viele) schickt man Dich lieber irgendwo hin. Wenn Du vier Leute fragst, kannst Du Dir relativ sicher sein, dass jeder in eine andere Himmelsrichtung zeigt. Auch Entfernungsangaben in Kilometern oder Stunden darf man nicht ganz ernst nehmen.

.....

Kleines Fazit Bolivien: Lamas mit bunten Bommeln in den Ohren; in jedem noch so kleinen Dorf gibt es einen Basketballplatz; vielfach unübersehbare, deprimierende Armut, daher viele bettelnde Kinder; viele unbekannte Essenszutaten (wovon uns einiges nicht so recht schmeckt): Quinua; Tunta; Mote (ist hier leider etwas anderes als in Chile: nämlich irgendein Teil vom Mais, das aber aussieht wie kleine Blumenkohlröschen und uns gar nicht schmeckt; aber auch ganz Köstliches, wie die unübertreffliche Frucht Tumbo (bloß nicht verwechseln mit den ekligen Tunta-Kartoffeln!) und schön scharfe Gewürze im Essen; freundliche Menschen; scheue Menschen; alles noch viel günstiger als in Argentinien; Straßenstände mit allem was dein Herz begehrt: Schrauben, Schläuche, Batterien, gekrackte Software, Süßigkeiten, Laptoptaschen u.v.m.; Wüste; Salzseen; Flamingos; Autos, bei denen es wie ein Wunder erscheint, dass sie überhaupt noch fahren.

PS: In Argentinien erfuhren wir von den angeblich durch den El Niño ausgelösten riesigen Überschwemmungen in Bolivien mit ihren Folgen: Obdachlosigkeit und Dengefieber. - Leider haben wir den Osten und Nordosten Boliviens (das ganze an Brasilien angrenzende Tiefland) daher nicht bereist.