02.01.2007
Chile

Tierra del Fuego - Feuerland
Über Punta Arenas nach Torres del Paine

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Argentina_overview03Wir haben es tatsächlich am 2. Januar noch geschafft, aus Ushuaia loszufahren, spät am Nachmittag zwar, aber immerhin und noch dazu bei strahlendem Sonnenschein. An diesen langen hellen Tagen geht die Sonne erst kurz nach 22:00 Uhr unter und dunkel wird es erst gegen 23:00 Uhr, da kommt man also noch gut ein Stück voran.

Ein eigenartiges Gefühl stellte sich bei unserer Abfahrt ein: die ersten Tage wieder alleine, im Auto, fahrend, wieder das Gefühl, nirgendwo-richtig-zu-sein. Fast erschreckend wie schnell man sich an einen Ort, an eine Umgebung, an Menschen gewöhnen kann. Schön. - Und traurig, wenn der Abschied dann da ist, aber "jedem Abschied wohnt ein neuer Anfang inne", oder wie es bei Hermann Hesse heißt: "nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen". Aber es dauert nicht lange, bis man sich dessen bewusst wird und wieder gespannt ist, was der nächste Tag bringen wird.

Am Abfahrtstag sind wir gerade noch bis hinter die chilenische Grenze gekommen. An einer winzig kleinen Grenzstation (Paso Rio Bellavista) waren wir am Abend die einzigen, die hinüber wollten. Nachdem wir auf argentinischer Seite unsere Stempel im Pass hatten, wurde uns von dem Beamten erklärt, dass wir nun durch einen Fluss fahren müssten, um zur chilenischen Grenzabfertigung zu gelangen. Der Wasserstand war nicht hoch und die Uferböschung genügend fest, so dass wir mit dem Unimog keinerlei Schwierigkeiten hatten. Eine weitere Kuriosität auf dem Weg zur chilenischen Seite war ein Zaun mit einem geschlossenen Törchen, dessen lose um die Pfosten geschlungene Kette wir selbst entfernen mussten, um an die vier einzigen kleinen Häuser weit und breit zu gelangen. Mittlerweile war es 22:30 Uhr und die chilenischen Beamten saßen mit ihren Familien schon vorm Fernseher, sind aber freundlicherweise noch einmal vom Sofa aufgestanden, haben sich ihre offiziellen Jacken übergezogen und das angrenzende Grenzhäuschen aufgeschlossen, um unsere Einreisepapiere auszustellen.

Normalerweise dürfen keine tierischen Lebensmittel nach Chile eingeführt werden, aber der dafür zuständige Kontrolleur war wohl schon zu müde, denn er sagte, wir sollten unsere Wurst einfach heute Nacht aufessen.

Der Wind, der in Ushuaia seltsamerweise gar nicht existierte, hat auf unserem Weg Richtung Norden dafür umso stärker geblasen. Wir haben die Halter für die Außenspiegel mit Bändern am Auto verspannt, damit sie uns weder nach hinten noch nach vorne klappen können; die Dachluke im Fahrerhaus haben wir mit Gurten festgezurrt, aber an diesen Tagen war der Wind so stark, dass der Beifahrer sie streckenweise noch zusätzlich festhalten muss, damit der Wind die Luke nicht öffnet. Wenn einer von uns aus dem Auto aussteigt, muss der andere mit anpacken und helfen, die Tür festzuhalten, damit sie nicht mit einem Schwung aufknallt und aus den Angeln fliegt. Kochen können wir nur, wenn wir uns mit dem Auto so hinstellen, dass die Abluft des Herds vom Wind nicht zurück ins Innere geblasen wird und die Flamme somit ausbläst. Dabei haben wir es noch gut und bemerken diese Kraft, wenn wir uns im schweren Auto befinden, beinahe gar nicht; schlecht dran sind bei diesem Wetter die Autos mit Aufstelldach, von den Dachzelten, Motorrad- und Fahrradfahrern gar nicht erst zu sprechen.

Der nächste Tag wurde recht anstrengend: von 10:00 Uhr morgens an im Auto und erst nachts um 0:30 Uhr nach Überquerung der Magellan Straße zur Ruhe gekommen. Die Fähre von Povenier nach Punta Arenas wollte uns nicht mitnehmen; die Gefahr der Beschädigung unseres Autos sei bei dem Wetter zu groß. Wie wir später erfuhren, ist die Fähre an diesem Tag gar nicht mehr gefahren. Also mussten wir weiter nach Norden zur Fähre bei Punta Delgada, wo die Magellan Straße in nur 30 Minuten überquert wird.

Ushuaia_bis_FitzRoyUnser nächstes größeres Ziel in Chile war der National Park Torres del Paine, welcher überall hochgelobt und als einer der schönsten Nationalparks Südamerikas ausgegeben wird.

Über Punta Arenas ging es zunächst nach Puerto Natales. Unverabredet trafen wir hier wieder einmal auf Mitreisende unserer Schiffsreise von Europa. Erneut gab es viel zu erzählen, so dass wir hier vier Nächte verbrachten, bevor wir am 9. Januar die letzten 190 km bis zum Nationalpark fuhren.

Im Reiseführer Lonely Planet heißt es:
"Für Wanderer und Trekker hat der 181 000 Hektar große Nationalpark eine beispiellose Anziehungskraft. Es gibt ein gut ausgebautes Netz an Wanderwegen und Refugios und Campingplätze an strategisch günstigen Stellen im Park. ... Wer den Park wirklich erleben will, sollte mindestens drei bis sieben Tage für Wanderungen und andere Aktivitäten einplanen."

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Während ich mit zwei Motorradfahrern, die wir in Ushuaia kennen gelernt hatten, für vier Tage im Park wandern war, hat Hilmar den Park mit dem Auto erkundet und Spaziergänge unternommen.

Das Wandern hat Spaß gemacht, aber vom Park an sich war ich etwas enttäuscht. Wahrscheinlich hatte ich zuviel bzw. irgendetwas ganz außergewöhnliches erwartet, weil man in allen Reiseführern von der unübertrefflichen Schönheit des Torres del Paine Parks liest, er als "der schönste Nationalpark Südamerikas" bezeichnet wird und auch sonst jeder von diesem Park spricht. Die Landschaft ist zwar schön, aber der Park wird meiner Meinung nach seinem Ruf nicht gerecht und ist kein "Muss" wenn man in Patagonien reist.

Ich hatte es mir einfach ganz anders vorgestellt, war entsetzt, als ich gesehen habe, dass es Restaurants im Park gibt, Kioske und in einem der Refugios sogar einen Internetanschluss! Der Park wird restlos vermarktet und ist absolut überteuert. Neben einem ohnehin schon teuren Eintritt kostet auch noch das Zelten an einigen Stellen etwas, worüber man am Eingang aber nicht aufgeklärt wird, wenn man nicht danach fragt (was ich nicht getan habe, da ich gar nicht auf die Idee gekommen bin, dass es etwas kosten könnte, nur weil man sein Zelt irgendwo aufstellt - nachdem man bereits umgerechnet ca. 25 Euro für den Eintritt gezahlt hat). Wir konnten es kaum glauben, als am ersten Abend, nachdem wir unsere Zelte schon aufgebaut und wir es uns bei einem Bier gemütlich gemacht hatten, auf einmal jemand ankam, die Hand ausstreckte und Geld von uns fürs Campen haben wollte. Nachdem wir uns von ihm auf der Karte haben zeigen lassen, wo die kostenlosen Campingplätze sind (jeweils ca. eine Stunde Fußmarsch hinter dem kostenpflichtigen Campingplatz), haben wir fortan die kostenpflichtigen Schlafstellen gemieden.
Für mich ging die Schönheit des Parks und das Adventure-Feeling durch die fast zu gut ausgebaute Infrastruktur leider etwas verloren.

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Ich habe es anders empfunden: während Sarah auf ihrer viertägigen Wanderung war, habe ich mit dem Auto die beiden Gebirgsmassive (die Torres del Paine und das Cuernos Massiv) umrundet und bin in der Nähe des Gletschers Grey entlang einiger kurzer Wanderwege spaziert. Die Natur ist sehr schön, türkisfarbene Seen und Gletscher, die 2800 m hohen Türme - die Torres - sind beeindruckend, ebenso die bizarren Formen der Cuernos Gipfel. Schaut Euch die Bilder an!

Nach fünf Tagen ging es weiter nach Norden, zurück auf die argentinische Seite Richtung Perito Moreno Gletscher bei El Calafate und nach El Chalten am Fuße des 3405 m hohen Mount Fitz Roy.

 
   
   

4.01.007
Argentinien

Nordwärts entlang der südlichen Anden
Vom Perito Moreno Gletscher zum Mount Fitz Roy

 

Auch der Perito Moreno Getscher bei El Calafate ist ein so genanntes "Muss", wenn man im südlichen Patagonien ist. Dementsprechend touristisch ging es dann auch dort zu. Der Gletscher ist weniger spektakulär, als ich (Sarah) ihn mir vorgestellt hatte (anscheinend liegt mir die Landschaft in diesem Teil Patagoniens nicht, zumindest bin ich kein Gletscher-Fan, wie ich festgestellt habe...).

Hier wurde einige Kilometer vor dem Gletscher (und dann noch so, dass man ja den Gletscher vorher noch nicht sehen kann) ein Eintrittshäuschen errichtet und eine Straße gebaut, die bis zum Gletscher führt, dem man sich dann zu Fuß auf verschiedenen kurzen Wegen noch nähern kann. Das Ganze kann man sich dann auch noch einmal aus anderer Perspektive von einem Schiff aus angucken, das bis auf weniger Meter an den Gletscher heranfährt.

Besonders hier bekommt man das Gefühl, dass um viele Naturschönheiten einfach ein Zaun gebaut wird, um dann Eintritt dafür nehmen zu können.

Anders war dies glücklicherweise in El Chalten (am Fuße des 3405 m hohen Mount Fitz Roy), einem kleinen Ort 220 km nördlich vom Perito Moreno Gletscher, welcher Ausgangspunkt für viele Wanderwege und zugleich Versorgungsort für professionelle Bergsteiger ist. Hier kostet das Natur-Genießen noch nichts. Fragt sich, wie lange noch; die letzten 12 km Schotterstraße vor dem Ortseingang werden gerade fertiggeteert.

 
   
   

20.1.207
Cile

Carretera Austral
Von Chile Chico bis Futaleufu

 

Von El Chalten ging es 640 km Richtung Norden auf der argentinischen Ruta 40 Richtung Los Antiguos und Chile Chico. Hier überqueren wir nun zum x-ten Mal die Grenze hinüber nach Chile; der Reisepass wird immer voller und langsam machen wir uns Sorgen, dass die Seiten nicht reichen könnten.
Das Wetter ist in dieser Gegend normalerweise sehr unbeständig und es regnet viel. Aber wir haben Glück, die Sonne scheint und es ist richtig warm, so dass wir am Lago General Carrera (auf argentinischer Seite heißt der gleiche See Lago Buenos Aires) erstmal wieder einen Ruhetag einlegen, den wir mit Sonnenbaden und (ziemlich kalter) Erfrischung im See ausfüllen.

Chalten-Futaleufu Als wir am nächsten Tag aufbrechen, fahren wir fast halb um den riesigen See herum und gelangen auf die berühmte Carretera Austral, über die Wikipedia schreibt:

...Die Carretera Austral heißt vollständig "Carretera Longitudinal Austral Presidente Pinochet". Trekker und Abenteuer nennen sie jedoch "Südamerikas schönste Route in die Einsamkeit". 1 350 Kilometer führt diese Schotterpiste im tiefen Süden Chiles durch dichte Urwälder, vorbei an Fjorden, ungezähmten Bergflüssen, an Gletschern und Seen, Wasserfällen und schneebedeckten Vulkanen.
Lange Zeit war der Süden Chiles nur per Flugzeug oder Schiff zu erreichen. Im Jahre 1976 begann Diktator Augusto Pinochet mit dem Bau der Carretera Austral. Die Carretera Austral bildete das aufwendigste Großprojekt in Chile im 20. Jahrhundert. Ausgangspunkt für den Bau war die Stadt Puerto Montt. Mehr als 10 000 Soldaten wurden zeitweise für den Bau eingesetzt. Der Straßenbau erwies sich als äußerst schwierig, da die Landschaft von Fjorden, Gletschern und Gebirgszügen durchzogen ist.
Mehr als 20 Jahre wurde an der Straße gebaut. Die reine Nord-Süd-Route erwies sich als technisch unmöglich. So führen rund 1150 km von Norden nach Süden und rund 229 km von West nach Ost...

Wir fuhren an diesem Tag 290 km über nervenaufreibende, kurvenreiche Schotterstraßen; eine Strecke, für die wir 10 Stunden brauchten; davon vielleicht zwei Stunden Pause. Das ist schwer vorstellbar, aber die Schotterpiste ist zum großen Teil einfach so schlecht, dass man schlichtweg nicht schneller vorwärts kommt.

Aufgrund des geringen Tempos merkt man zunächst kaum, wie sich ganz allmählich die Landschaft verändert.
Je weiter wir die Carretera Austal Richtung Norden fahren, desto deutlicher werden die Veränderungen: es wird immer grüner, der Bewuchs wird immer dichter. Bambusbüsche kommen hinzu und riesige Rhabarberpflanzen (Nalcas) säumen den Rand der Schotterstraße, die sich durch Farnwälder und Sümpfe kämpft. Die Bäume werden immer höher, dazwischen riesige Alercen (Patagonische Zypressen, von denen noch wenige über 3600 Jahre alte Exemplare existieren sollen. Sie werden zu den ältesten "Lebewesen" der Erde gerechnet). Die Straße wird teilweise zum schmalen Weg, so dass wir es hautnah fühlen: wir befinden uns mitten im Urwald.

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Ich bin ganz aus dem Häuschen, mir gefällt diese Strecke unglaublich gut, alle paar Meter halten wir an, um Fotos zu machen. Einen größeren Kontrast zur öden, flachen Pampas auf der argentinischen Ostseite gibt es kaum. An zwei von drei Tagen, die wir die Carretera Austral befahren, ist es bedeckt und regnet viel, aber das tut meiner Begeisterung für diese Landschaft keinen Abbruch; irgendwoher muss das viele Grün schließlich kommen. Nachdem der Urwald bis Poyuguapi noch sehr dicht ist, öffnet sich das Tal danach wieder langsam und der Blick reicht wieder weiter.

Vor Beginn dieser spektakulären Strecke hatte wir zwei Tramper mitgenommen, die nach Villa Cerro Castillo wollten, einer winzigen Siedlung an der Carretera Austral, am Fuß der Gipfel des Cerro Castillo. Am Abend des 20. Januar erreichten wir die Siedlung. Es sollte dort die Möglichkeit geben, mit Pferden in das "Reserva Nacional Cerro Castillo" zu reiten.
Villa Cerro Castillo ist alles andere als touristisch erschlossen, es gibt auch kein Hinweisschild, das darauf hingewiesen hätte, dass es die Möglichkeit zu einem solchen geführten Ausflug überhaupt gibt. Am nächsten Tag fand dann also der "Reitausflug" statt, zwei bis drei Stunden ein bisschen auf dem Pferd sitzen, habe ich mir gedacht, aber es war ganz anders.

Der "Reitausflug" stellte sich als richtige Trekking-Tour heraus, es ging durch Wälder mit umgestürzten Bäumen, über deren Stämme die Pferde sich äußerst geschickt ihren Weg bahnten. Wir mussten enorm steile Abhänge hinauf und hinunter, durch tiefe Gräben und steinige Flüsse hindurch, bis wir nach gut 3 1/2 Stunden unser Ziel, einen hoch gelegenen Gletschersee, erreichten. Hier hatten die Pferde sich ihre Ruhepause mehr als verdient.
Mit unseren beiden Pferden hatten wir es gut getroffen. Sie waren gutmütig, ruhig und außerordentlich erfahren.
Da es am Tag zuvor geregnet hatte, waren viele Passagen nass und schlammig, was zumindest für uns ziemlich beängstigend war. An den steilsten Stellen, wo einige der anderen Pferde sich weigerten, mit der Last des Reiters die Abhänge hinunter zu gehen, tasteten sich unsere beiden vorsichtig voran, um dann die steilsten Passagen auf allen Vieren rutschend zu meistern. Was passiert wäre, wenn man zusammen mit dem Pferd so einen Abhang hinabgestürzt wäre, darf man sich gar nicht vorstellen... Wir hätten uns nicht träumen lassen, derartig schwieriges Gelände reitend zu bewältigen.
Spät am Nachmittag ging es wieder zurück, so dass wir insgesamt von 11 bis 20:30 Uhr unterwegs waren. Auch wir fühlten die Anstrengung, besonders schmerzhaft am Hintern, den Oberschenkeln und Knien.

Nach 840 Kilometern Carretera Austral verließen wir Chile und wechseln am Abend des 25. Januar bei Futaleufu wieder nach Argentinien, um weiter Richtung El Bolson und San Carlos de Bariloche zu kommen.