12.11.2006
Argentinien

Die ersten Tage
Buenos Aires

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skyscrapersIn Buenos Aires sind wir - dank eines Mitreisenden - am nördlichen Stadtrand auf dem großen Gelände eines deutschen Sportvereins untergekommen. Nach dem abrupten Ende unserer Seereise ist nun, am Sonntag Morgen, erst mal Zeit, etwas Ordnung im Auto zu schaffen und unsere Papiere zu sortieren. Dabei stellen wir fest, dass das nicht ganz unwichtige Zollpapier für unseren Unimog ("DECLARACION JURADA ADMISION TEMPORARIA VEHICULOS DE TURISTAS) an zwei entscheidenden Stellen ganz falsche Daten aufweist: Hilmars Passnummer und die Fahrgestellnummer des Autos stimmen nicht. In der Hektik der Abfertigung vom Vorabend sind hier vermutlich Daten anderer Mitreisender in unserem Formular gelandet. Dafür ist zu unserer Freude die Gültigkeit auf die Maximalzeit von acht Monaten ausgestellt.

Ein Sonntags-Spaziergang in der Nachbarschaft und eine Feier am Nachmittag anlässlich des "Tages der Tradition" machen uns verständlich warum so viele Menschen in dieser Gegend hier auch heute noch Deutsch sprechen: Die Auswanderer des 19. Jahrhunderts haben Deutschaland nicht freiwillig verlassen, sondern suchten aus wirtschaftlicher Not nach einem Neuanfang in Argentinien. Gefühlsmäßig blieben sie der alten Heimat eng verbunden, was sich besonders im Erhalt von Bildungssystemen und Pflege der Sprache ausdrückte. Es wurden deutsche Schulen gegründet, die heute einen ausgezeichneten Ruf genießen und von Argentiniern aller Abstammungen besucht werden. Es ist in diesen Familien ganz selbstverständlich, dass die heutigen Nachkommen Deutsch fast genau so gut wie Spanisch sprechen.

Mit der S-Bahn sind wir in 40 Minuten in der City von Buenos Aires. Am Montag gibt es viel zu erledigen:

  • Geld tauschen auf der Bank. Für einen Euro erhalten wir 3,88 Argentinische Pesos.
  • Unsere Versicherungspolice abholen und bezahlen. Sie ist gültig für ein Jahr und gilt für Argentinien und die anliegenden Nachbarstaaten Chile, Uruguay, Paraguay, Bolivien und Brasilien und kostet 1818 Pesos (469 Euro).
  • Zum Agenten der Grimaldi Lines, um die Unklarheiten im Zollformular für den Unimog anzusprechen. Er empfiehl uns dringend, die Angaben richtig stellen zu lassen und telefoniert mit dem zuständigen Zollbeamten, erklärt uns den Weg und avisiert uns für 15:00 Uhr.
  • Also sind wir zur vereinbarten Zeit im Hafen beim Zoll, wo "unser Zollmann vom Samstag Abend" mit Tippex und Kugelschreiber alles richtig stellt. Zwei Stempel neben den Korrekturen dokumentieren die Amtlichkeit der geänderten Eintragungen. - Das erinnerte mich an die Ausstellung der Internationalen Zulassung beim Verkehrsamt in Pinneberg, wo die Sachbearbeiterin das erste Dokument wegen vieler falscher Eintragungen vernichtete und beim zweiten Versuch auch nicht ohne Korrekturen und zusätzliche Stempelei zurecht kam.
  • Kauf argentinischer SIM-Karten für unsere Mobil-Telefone (3,09 Euro) und zusätzlicher Prepaid-Karten. So richtig verständlich ist uns das Telefonieren mit diesen neuen Karten nicht geworden. Die eigentliche Mobilnummer ist eindeutig, was aber davor zu wählen ist, scheint abhängig davon zu sein, von wo aus man telefoniert; ob vom Festnetz oder einem anderen Mobiltelefon, ob national oder international, ob innerhalb Buenos Aires oder außerhalb, ob SMS oder Telefonat.

Das hat alles viel besser geklappt als erwartet; der positive Stress hält uns auf den Beinen, dennoch sind wir erschöpft. Die Tagestemperaturen lagen um die 30 Grad. Wir sind viel gelaufen, hatten aber das Glück, alles im Innenstadtbereich von Buenos Aires zu Fuß erreichen zu können.
Unser erster Eindruck von der Stadt: Sehr lebendig aber nicht hektisch. Von den 15 Millionen Einwohnern im Großraum Buenos Aires ist im Zentrum nicht viel zu spüren. Die 3 Millionen Bewohner der Kernstadt verbreiten eher eine südeuropäische Atmosphäre.

Diese Eindrücke bestätigten sich am Dienstag bei der privat organisierten Stadtbesichtigungstour mit Taxi und U-Bahn. Die Bevölkerung ist so bunt gemischt, mit vielen europäisch geprägten Gesichtern, dass wir (bei entsprechender Kleidung) nicht unbedingt sofort als Touristen auffallen. Auffällig sind hingegen für uns die großen breiten Straßen (Avenida 9 de Julio: 16 Spuren), die lebendigen Fußgänger-Einkaufsstraßen, die vielen Cafes und Restaurants, das Gemisch von Wolkenkratzern und schönen alten Stadthäusern, die vielen Parks, die tragbaren Werbeplakate, die den Autofahrern während der Rotphase entgegengehalten werden, die professionellen Hundeausführer, die mit bis zu 12 Hunden den Besitzern das "Gassigehen" gegen Bezahlung abnehmen und das für uns so sehr günstige Preisniveau. Nicht zu vergessen natürlich die an vielen Stellen der Stadt anzutreffende Gegenwart des Tangos, seien es die Plakate der Tangoschulen oder die Tangotänzer auf der Straße.

Wer das Großstadtleben liebt, ist in Buenos Aires sehr gut aufgehoben. Ein riesiges kulturelles Angebot, kulinarisch etwas für jeden Geschmack, jede Art von Shopping und Amüsement, eben eine Metropole wie für Großstadtmenschen geschaffen.

Nach einem Ruhetag haben wir am Donnerstag Nachmittag bei Temperaturen um 36 Grad noch mal einen Bummel durch einige Einkaufsstraßen gemacht. Der abendliche Besuch einer Tangoshow war eher ein Flop - zu viel Show, zu wenig Tango, eben eine typische Veranstaltung für Touristen.

Anmerkung: Mit dem zeitlichen Abstand von einigen Monaten und mit einem etwas gewachsenen Verständnis für die Geschichte des Tangos in Südamerika ist die Einschätzung eine etwas andere. Denn wer beim Tango nur ans Tanzen denkt, wird in der Tat oft enttäuscht bleiben. Es geht dabei auch ums Tanzen, aber Tango ist viel mehr. Ein Englischer Reisender hat es sehr schön formuliert:
Tango is a culture but it is also a dance, and a style of singing. Tango is sensual, Tango is erotic. Tango is macho. "It smells of wine, and tastes like death."

Enrique Santos Discépolo, der berühmteste Tangodichter und Tangokomponist Argentiniens, drückt es anders aus: "Tango ist ein trauriger Gedanke, den man auch tanzen kann"

Ein Teil dieser alten Tangokultur soll in den Tangoshows dargestellt werden.

Nach fast einer Woche wollten wir am Freitag dann raus aus der Stadt und Richtung Süden aufbrechen.

 
   
   

17.11.2006
Argentinien

Südwärts
Richtung Valdes

 

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Am 17. November verließen wir Buenos Aires über die große 16-spurige "Avenida 9 de Julio" und fuhren ca. 360 km südwärts über die RN2 (Route National Nr.2) an die Küste nach San Clemente, einem kleinen, noch etwas verschlafenen Badeort. Die erste Nacht außerhalb der Stadt war gleich ein Volltreffer. Wir fanden kurz vor dem Dunkelwerden auf Anhieb einen wunderschönen Stellplatz am Ortsrand zwischen den Dünen direkt am Meer, so dass wir hier zwei Nächte blieben.

Bereits über eine Woche in Argentinien, aber noch keine 400 km gefahren, bekamen wir dann aber das Gefühl, nun einmal etwas weiter vorankommen zu müssen. Das nächst größere Ziel hieß Peninsula Valdes, ein Natur- und Tierschutzgebiet; von unserem Standpunkt San Clemente noch etwa 1500 km entfernt, Richtung Süden.

In den folgenden vier Tagen versuchten wir also einige Kilometer hinter uns zu lassen. Mit Tempo 85, etlichen Pinkel-, Mittagsessens- und Kaffeepausen gestaltete sich dieses Vorhaben aber etwas langwieriger als gedacht. Sorgten anfangs die Küstenorte wie Pinamar, Mar del Plata und Miramar noch für Abwechslung, wurde die Strecke dann nach Bahia Blanca doch ermüdend und teilweise eintönig. Auch die Suche nach geeigneten Plätzen für die Nacht durfte nicht bis zum Dunkelwerden aufgeschoben werden. So einfach mal in einen kleinen Sandweg von der Hauptstraße abzubiegen, war fast unmöglich, da die riesigen privaten Estancias sich bis an die Straße ausdehnen und gut eingezäunt sind.

Die Straße ging etliche 100 km nur geradeaus, rechts und links der Straße weideten Rinderherden. Die Landschaft änderte sich erst, als wir bereits einige Zeit in Patagonien waren. Viel aufregender wurde es allerdings nicht, die Weiden wurden nun durch trockene Steppenlandschaft abgelöst.

Auf unserem Weg passierten wir einige Fruchtkontroll-Posten; wir wurden gefragt, ob wir Obst oder Fleisch dabei hätten, mussten einen Blick in unseren Kühlschrank gewähren und wurden dann freundlich über die Provinzgrenze gewunken. Sinn dieser Regelung ist der Versuch, die Ausbreitung der schädlichen Fruchtfliege innerhalb des Landes zu verhindern. Wir hatten nie etwas dabei, was zu beanstanden gewesen wäre, was daran lag, dass wir bisher überhaupt noch nicht richtig einkaufen waren. Wir hatten noch kein einziges Mal gekocht, sondern waren immer Essen gegangen, was bei den günstigen Preisen einfach zur Faulheit animiert. Lediglich für das Frühstück hatten wir immer das Wesentliche im Kühlschrank dabei.

mapNach vier Tagen mehr oder weniger nur Autofahrt erreichten wir die Stadt Puerto Madryn. Sie ist - Zitat Lonely Planet - "vor allem als Tor zum Tierschutzgebiet Peninsula Valdes touristisch interessant". Uns gefiel aber auch die Atmosphäre dieser Küstenstadt mit ihrer Infrastruktur. Wir verbrachten eine Nacht auf dem Campingplatz, besuchten ein sehr schön gestaltetes ökologisches Institut/Museum, guckten uns die Stadt an, gingen Einkaufen und Essen bevor wir am nächsten Tag auf die Halbinsel fuhren, in der Hoffnung, noch einige Glattwale zu Gesicht zu bekommen, bevor sie die Küste wieder verlassen würden.

Für die nächsten sechs Tage standen wir in einer wunderschönen Bucht, gemeinsam mit einigen anderen deutschen und schweizer Wohnmobilen, denen wir im Laufe unserer Reise wohl immer wieder mal irgendwo begegnen werden. Auch drei Mitreisende vom Schiff haben wir bereits mit ihren Autos wieder getroffen.

Die Bucht kam uns vor wie eine Oase der Ruhe, es herrschte eine absolut friedliche Atmosphäre; sogar vom Auto aus konnte man die Wale beobachten, wie sie mit ihren Jungen ganz nahe an den Strand kamen oder wie sie weiter draußen im Wasser ihre Sprünge vollführten. Noch faszinierender, als diese großen Tiere so nah zu sehen, war es aber, sie hören zu können. Neben der Wasserfontäne hörte man auch ihre Rufe, mit denen sie anscheinend miteinander kommunizieren.

An zwei Tagen fuhren wir an die Nord- und Südspitze der Insel und bekamen an diesen Tagen das ganze Spektrum der hier vorhandenen Tierwelt zu Gesicht. Vom Geräusch des Autos aufgeschreckt, rannten Guanacos über die Schotterpisten, wir haben Nandus gesehen, faule See-Elefanten und -Löwen, Pinguine und Gürteltiere. Von den Robben und Pinguinen einmal abgesehen, kam es mir vor, als würden wir uns auf einer Safaritour durch Afrika befinden.

Das Highlight dieser Zeit stellte für mich ein Tauchgang mit Seelöwen dar, vor dem ich aber auch etwas Respekt hatte, denn so süß und verspielt die Tiere auch waren, bekam ich es nach einiger Zeit doch etwas mit der Angst zu tun, als sich nach und nach immer mehr von ihnen um uns scharten, uns in die Schwimmflossen knappsten und für mich nicht interpretierbare Geräusche von sich gaben. Nach 40 Minuten ging der Luftvorrat langsam zu Ende; die Seelöwen kamen mit hoch an die Wasseroberfläche und schwammen noch eine zeitlang neben dem kleinen Boot her, als würden sie sich von uns verabschieden wollen.

Unser nun schon über eine Woche andauernder Aufenthalt auf Valdes und in Puerto Madryn verlängerte sich zum Schluss noch einmal unfreiwillig, nachdem Hilmar am Freitag Nachmittag bemerkte, dass der eine Tank ein Leck hat. Am Samstag Morgen fuhren wir zu einer Werkstatt, in der man uns sagte, wir könnten "a las quinze" (um 15 Uhr) wiederkommen. Leider verstand ich "a las cinco" (um 5 Uhr), so dass wir zwei Stunden zu spät da waren und die Reparatur auf Montag verschoben werden musste. Also verbrachten wir auch den Sonntag noch in Puerto Madryn, was uns nicht schwer fiel, den Strand direkt vor der Nase.

Am Montag Morgen fuhren wir also erneut zur Werkstatt und nach nur drei Stunden war der Tank frisch gelötet wieder eingebaut und wir konnten unsere Reise fortsetzen - entlang der Küste, wie zuvor.